Die Gabler-Orgel der Basilika zu
Weingarten ist zweifellos die bedeutendste Denkmalorgel Süddeutschlands.
Der überragenden Bedeutung des Werks wurde man sich schon bald
nach seiner Fertigstellung bewusst. Beispielsweise bemühte sich
der größte Orgelbau-Enzyklopädist des 18. Jahrhunderts,
der französische Pater Dom Bedos de Celles, bereits 1751 anlässlich
einer Durchreise um diese Orgel und publizierte dann im Jahre 1770 im
Band II seines Monumentalwerks L’art du facteur d’orgues
nicht nur die Disposition (in etwas verballhornter Schreibweise), sondern
auch einen großformatigen Stich des Gesamtprospekts.
Joseph Gabler wurde am 6. Juli 1700
in Ochsenhausen geboren. Wie für damalige Orgelbauer üblich,
lernte er zunächst den Beruf des Schreiners. 1717 oder 1719 kam
er dann als Tischlergeselle nach Mainz zu Hofschreinermeister Anton
Ziegenhorn. Im Nachbarhause Ziegenhorns betrieb Johann Peter Geissel
eine Orgelbauerwerkstätte, der seinerseits mit den fürstbischöflichen
Orgelmachern Johann Windheiser, Johann Onymus und Hans Jakob Dahm in
Verbindung stand. Letzterer baute 1719 für St. Emmeran zu Mainz
eine neue Orgel. Zu dieser Pfarrei gehörten Ziegenhorn und somit
auch der Geselle Joseph Gabler. Es ist anzunehmen, dass sich Gabler
in diesen Kreisen seine Orgelbaukenntnisse geholt hat, doch wissen wir
nichts Genaueres. 1729 heiratete Gabler die in jungen Jahren verwitwete
Agnes Ziegenhorn-Hiller, die Schwiegertochter seines 1720 verstorbenen
Meisters, und kehrte mit ihr nach Ochsenhausen zurück. Im dortigen
Reichsgotteshaus entstand von 1729 bis 1733/34 Gablers Erstlingswerk.
Nach Vollendung der Ochsenhausener Orgel kehrte Gabler nochmals für
etwa drei Jahre nach Mainz zurück, bis er 1737 nach Weingarten
übersiedelte, wo er bis 1750 an der Chororgel und vor allem an
der großen Orgel beschäftigt war. Nach weiteren Arbeiten
im süddeutschen Raum (in Memmingen, Ravensburg, Zwiefalten, Maria-Steinbach)
begann er sein letztes Werk in der Stadtkirche von Bregenz, wo er am
8. November 1771 verstarb.
Neben dem Erstling in Ochsenhausen
ist die Weingartner Orgel das Hauptwerk Joseph Gablers. Diese Orgel
hat ihre eigene Entstehungs- und Leidensgeschichte. Allein schon die
Tatsache, dass im Verlauf der Bauzeit nicht weniger als vier Verträge
abgeschlossen wurden, deutet auf keinen reibungslosen Ablauf der Arbeiten
hin. Der erste Vertrag wurde am 6. Juli 1737 unterzeichnet und sah eine
Bauzeit von sechs Jahren vor. Am 6. Januar 1739 wurde Gabler verpflichtet,
zwischendurch innerhalb zweier Jahre eine neue Chororgel mit 22 Registern
zu erstellen. Genau zwei Jahre später, am 6. Januar 1741 wurde
ein revidierter Vertrag für Chororgel und große Orgel abgeschlossen,
welcher als Endtermin für beide Instrumente Oktober 1744 vorsah.
Am 22. Mai 1745 schließlich erfolgte der vierte Vertragsabschluss
mit einem Endtermin Juli 1746. Die Einweihung der großen Orgel
erfolgte jedoch erst am 24. Juni 1750. Das Einvernehmen zwischen Meister
Gabler und dem Kloster war offensichtlich nicht immer ungetrübt,
die Schuld mag auf beiden Seiten gelegen haben. Einerseits ist beim
Kloster ein mehrfaches Durcheinander zwischen verschiedenen Prioritäten
nachweisbar, andererseits wird der Vorwurf der Trödelei gegenüber
Gabler nicht völlig unbegründet gewesen sein.
Die größte Leistung Gablers
ist zweifellos der geniale Entwurf der gesamten Orgelarchitektur. Es
ist in der Tat einmalig, wie dieses Instrument die sechs Fenster gewis-sermaßen
umrankt und einbezieht. Bei der technischen Realisierung dieses großartigen
Werks stieß Gabler freilich an Grenzen, die auch er nicht zu übersteigen
vermochte. Insbesondere das optisch beinahe frei schwebende Kronpositiv
bot offensichtlich große Schwierigkeiten. Dieses Werk ist statisch
nicht auf den übrigen Orgelkörper abgestützt, sondern
am Dachgewölbe der Kirche aufgehängt. Gabler schaffte es aus
sehr verständlichen Gründen nicht, dieses Kronpositiv mit
einer eigenen Traktur anzuspielen. Er behalf sich vielmehr mit sehr
langen Konduktbahnen vom Oberwerk aus. Dies führte wiederum zu
einer Reduktion der Registerzahl auf vier Stimmen, während die
Windlade ursprünglich für sechs Register (darunter vielchörige
Mixturen) gebaut worden war. So muss das Kronpositiv als Torso bezeichnet
werden. Abgesehen von diesen visionären Höhenflügen,
die dann nicht ganz realisiert werden konnten, war Gabler dennoch ein
ausgezeichneter Orgelbauer und nicht nur ein großer architektonischer
Gestalter. Die handwerkliche Qualität seiner Arbeit ist über
weite Strecken bestechend.
Ganz eigene Wege ging Gabler nicht
nur in der für die Zeit sehr fortschrittlichen Disposition, sondern
auch in der Mensurierung. Seine Mensuren sind, nicht nur bei den eigentlichen
Streichern, durchwegs sehr eng. Dafür besetzte er zahlreiche Register
doppelt oder mehrfach. Trotzdem konnte die Orgel nie eine besondere
Kraftentfaltung zeigen, was ihr immer wieder angelastet wurde. Ihre
Klangqualitäten sind weniger im brausenden Tutti als vielmehr in
wunderbaren, pastellhaften Einzelfarben sowie poesievollen Mischungen
zu finden.
Um dieses einzigartige Orgelwerk
ranken sich verschiedene Legenden und symbolhafte Zahlenspielereien.
Besonders die Legende der Vox humana ist beim Volk beliebt und deshalb
unausrottbar: Gabler soll dieses Register deshalb so gut gelungen sein,
weil er dem Teufel dafür seine Seele verschrieben habe. Obwohl
natürlich kein Wort daran wahr ist, wurde hierüber sogar ein
Weingartner Heimatspiel Das Geheimnis der Münsterorgel verfasst
und wiederholt aufgeführt. Auch über die Pfeifenzahl wurde
schon viel spekuliert. Die Verträge von 1741 und 1745 nennen eine
Gesamtzahl von 6666 Pfeifen. Es ist ungeklärt, ob diese schöne
Zahl von Gabler oder vom Kloster ausging. Jedenfalls soll diese Zahl
den Geißelhieben entsprechen, die Christus empfangen habe (Justin
Heinrich Knecht in seiner Orgelschule, 1796). Vermutlich wurden 6666
Pfeifen zwar angestrebt, doch ergibt eine kritische Nachzählung
andere Zahlen.