Das Programm dieser CD bringt
mit Werken bedeutender Komponisten den Klangreichtum der historischen
Gabler-Orgel zu Gehör. Der Titel »Concert«
kann dabei durchaus im Sinne eines Orgelkonzerts in Weingarten verstanden
werden, er weist aber zugleich in vielschichtigerer Weise auf die kompositorische
Form des barocken Concerto grosso hin, die im Laufe der Musikgeschichte
großen Meistern immer wieder Basis für faszinierende und
jeweils sehr eigen geprägte Neuschöpfungen war.
GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
wurde von Beethoven als unübertroffenen Meister erhabener Einfachheit
gerühmt. Offenbar wird dies u.a. im seinem Oratorium »Salomon«
aus dem Jahre 1749. Stephan Debeur spielt in einer Orgeltranskription
die fröhlich-heitere Sinfonia dieses Oratoriums, die mit zwei konzertierenden
Oboen (registriert mit Hautbois 4’ im Brustpositiv der Weingartner
Orgel), dem Ritornell zwischen dem Orchestertutti und den Solo- sowie
Echopassagen als typisch barocker Concerto grosso-Satz gestaltet ist.
Händels Orgelkonzert
F-Dur op. 4, Nr. 5 (HWV 293) zählt zu den bekanntesten Werken des
Meisters, der für diese Komposition seine eigene, um Orchesterritornelle
und Begleitstimmen ergänzte Blockflötensonate op. 1, Nr. 11
(HWV 369) als Vorlage nahm. An der Gabler-Orgel erklingt das Orchestertutti
in Hauptwerk und Pedal und die Solopassagen im Kronpositiv (1. Satz)
bzw. Brüstungspositiv (2. und 4. Satz). Als Solostimme des zart-eindringlichen
Siciliano ist die berühmte Gabler’sche Vox humana des Brüstungspositivs
zu hören.
JUSTIN HEINRICH KNECHT genoss
als Organist, Komponist, Musikschriftsteller und Orgelsachverständiger
ein hohes Ansehen. Das »Kleine Flötenconcert F-Dur für
Geübtere« ist dem zweiten Band seiner Orgelschule entnommen,
wobei die Bezeichnung klein im Sinne von einsätzig
zu verstehen ist.
Ein schönes Beispiel
für JOSEPH HAYDNs Kompositionskunst ist seine Symphonie Nr. 73
D-Dur, für deren zweiten Satz er eines seiner Lieder (»Gegenliebe«)
als Grundlage nahm. Das Finale überschrieb Haydn mit La Chasse
(Die Jagd). Der vorliegenden Welt-Ersteinspielung der Sinfonie Nr. 73
für Orgel solo liegt eine in London publizierte Transkription zugrunde,
die von Stephan Debeur grundlegend überarbeitet und vervollständigt
wurde. Im ersten Satz Adagio-Allegro bringt der Interpret in
der verhaltenen Einleitung die zarte Hautbois 8’ des Echowerks
und im rhythmisch-prägnanten Allegro in den Forte-Passagen
die Hautbois 4’ des Brustpositivs zu Gehör. Im zweiten Satz
Andante erklingen Flöten- und Streicherregistrierungen
in bis zu vier unterschiedlichen, jedoch zeitgleich ablaufenden klangfarblichen
Ebenen. Im dritten Satz Menuetto e Trio (Allegretto) bilden
Mixtur- und Zungenklänge sowie deren Kombination stetig abwechselnde
Klangebenen, bevor im Trio die Hautbois 8’ des Echowerks
die Solostimme übernimmt. Das mitreißende Finale La Chasse
(Presto) beschwört mit seinen markanten Tonrepetitionen der
Zungenregister sowie eingestreuten Jagdfanfaren ein fröhliches
Jagdtreiben herauf.
Zu den populärsten Werken
Bachs zählt der zweite Satz Air aus der Orchestersuite
D-Dur (BWV 1068), ein Lied (air) für Streicher und Basso continuo,
das über einem in regelmäßigen Achteln schreitenden
Bass und motivisch imitierenden Mittelstimmen eine überaus eingängige
Melodie aufweist. Die Interpretation auf der Gabler-Orgel lag nahe,
weil kaum eine andere Barockorgel Deutschlands über eine derartige
Vielzahl an Streicherstimmen verfügt, die mit ihrer herben Zartheit
dem Klang von Gamben sehr nahe kommen. Bei der vorliegenden Aufnahme
ist die Solostimme mit Violoncell 8’ und Solicinale 8’ des
Oberwerks registriert, die Mittelstimmen erklingen mit den Streichern
des Echowerks und der Bass mit Violon 16’ des Pedals.
Bei Bachs Orgelkonzerten handelt
es sich vermutlich um Auftragswerke des musikliebenden Prinzen Johann
Ernst von Sachsen-Weimar, von dem ein Violinkonzert Vorlage für
Bachs Transkription BWV 582 war. Im ersten Satz stehen vielstimmige,
mit den Streichermixturen der Gabler-Orgel registrierte Tutti-Abschnitte
mit Doppelpedal triolenbewegten Solopartien gegenüber. Im zweiten,
lyrisch-meditativen Satz erklingen die Flöten des Brüstungspositivs
und im dritten Satz, einem kurzen Kehraus ohne besonderen kompositorischen
Tiefgang, die Principale des Hauptwerks. Bemerkenswert ist, dass in
diesem Finale der Solo-Tutti-Kontrast allein durch den Einsatz des Pedals
deutlich wird.
Im ersten Satz der Bach.Kantate
»Ich steh mit einem Fuß im Grabe« ist die
Oboenstimme über Streicherakkordbrechungen melodieführend.
Sie erfährt in der Klanglichkeit der Gabler’schen Vox humana,
deren einzigartig klagender Charakter sich besonders in der tiefen Lage
entfaltet, eine berührende Interpretation, während die Streicherpizzicati
der linken Hand im Raum der Weingartner Basilika das Gefühl der
Vergänglichkeit verstärken.
Gerade beim Spiel der Bach’schen
Passacaglia kann der Reichtum der Gabler-Orgel an Klangfarben und Klangwirkungen
voll ausgespielt werden und garantiert ein faszinierendes Erleben dieser
Bachschen Meisterkomposition.